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Formtypen des Dramas


Stilzüge der geschlossenen Form im Drama Stilzüge der offenen Form im Drama
Raum Kein entscheidender Raumwechsel, Ortsgleichheit auch bei geringem Schauplatzwechsel Unbedenklicher Schauplatzwechsel
Zeit Ablauf des Geschehens in knapper, kontinuierlicher Zeiterstreckung. Große und kleine Zeitsprünge
Handlung Eindeutig erkennbare Haupthandlung, eventuelle Nebenhandlungen ohne Eigengewicht, kontinuierlich durchgeführt, kausalverknüpft. Eine Szene geht folgerichtig aus der anderen hervor. Das Ganze ist Ausschnitt aus einem größeren Ereignisganzen. Der Sinn, die zugrunde liegende Idee, wird in den Aussagen der Personen deutlich. Mehrere Handlungsstränge. Geschehnisfortschritt nur in Ausschnitten skizzenhaft wiedergegeben. Unvermittelter Beginn und Ende der Einzelszene wie auch des ganzen Dramas. Selbständigkeit der Einzelszene - jede Szene bringt schon im Kern die Aussage des gesamten Dramas. Der Integrationspunkt gibt die zentrale Idee des Werkes wieder (z. B. „Märchen" der Großmutter im „Woyzeck").
Personen Zahlenmäßige Beschränkung des Personenkreises. Selbstbewußte, mündige Menschen, von sozial gehobener Position. Wenige Nebenfiguren („Vertraute" der Hauptfiguren als Abspaltungen von diesen sprechen wie sie). Personengruppierung häufig zweipolig: Spiel - Gegenspiel; fest umrissene, gleichwertige Gegner; Physisches bleibt ausgeklammert; Personen sind von sensitiven Eindrücken nicht abhängig, Unbewußtes hat keine Macht. Klarheit der Gefühle. Bei Bedrohung Neigung zu Sentenzen. Vielzahl von Personen aus allen sozialen Schichten, häufig hilflose Menschen im Mittelpunkt, „Personenfragmente". Mittelpunktfigurhatkeinen direkten Gegenspieler. Gegenspieler ist die „Welt", d. h. die gesellschaftliche Umwelt. Physisches spielt eine wichtige Rolle. Einfluß sensitiver Eindrücke. Spontanes Reagieren. Schroffe Gefühlsausbrüche. Betonung des Unbewußten.
Komposition Fünf Akte, seltener drei. Mittelachse im dritten Akt. Symmetrische Komposition: nach Umfang und Inhalt korrespondieren häufig Akt I und V sowie Il und IV Pyramidenförmiger Aufbau: 1. Akt: Einleitung, Exposition - Anbahnung des Konflikts, 2. Akt: Steigerung des Konflikts, 3. Akt: Höhepunkt - unerwartete Wendung im Schicksal des Helden, 4. Akt: Retardation - Verzögerung der Handlungsentwicklung, 5. Akt: Katastrophe oder untragische Lösung. Der Tendenz zur Zersplitterung durch die Selbständigkeit der Einzelszene wirken entgegen:
  • Die Mittelpunktfigur, die die Szenen zusammenhält.
  • Die Gegensatzbindung durch Kontrast (z. B. Wechsel von öffentlichem und-privatem Schauplatz, von pathetischen und desillusionierenden Szenen).
  • Wiederholung und Variation der gleichen Situation mit wechselnden oder gleichen Personen.
  • Verklammerung durch Wortmotive und Bilder, die immer wieder beziehungsvoll im Text auftauchen (Leitmotive).
Sprache Distanz zur empirischen Wirklichkeit: Einheitliche Sprache der Personen (gleicher Wortschatz, gleiche Syntax, gleiche Bildlichkeit); logisch folgernde Argumentation in „Rededuellen". Verssprache. Hypotaktische Syntax; Pathos, Sentenzenreichtum. Pluralität der Sprachbereiche (verschiedene Berufs- und Standessprachen). Stilmischungen. Vorwiegend sprunghaft assoziative Gedankenabwicklung. Addition von Einzelvorstellungen. Prosa. Parataxe. Formen spontanen Sprechens.
Dialog Dialogszenen treiben die Handlung voran: Eine Redeäußerung provoziert die nächste. Dialogpartien sind weit gespannt, Gedanken und Gefühle logisch folgernd dargestellt, Argumente des Dialogpartners in der eigenen Rede verarbeitet. Personen machen sich einander verständlich, weil sie sich in einem gemeinsamen gesellschaftlichen und weltanschaulichen Denkraum bewegen. Redeäußerungen sind kein Situationsreflex. Stichomythie - das Kontern Zeile um Zeile - ist Ausdruck kunstvoller Rhetorik. Der Dialog treibt nur in geringem Maße die Handlung vorwärts; er vermittelt Selbstaussagen und Situationsreflexe. Was die Personen gerade bedrängt, kommt in ihm zum Ausdruck. Personen sprechen nicht miteinander, sondern ihre Redepartien laufen nebeneinander her, die sich hin und wieder kreuzen. Das Verständnis der Personen füreinander ist nur gering, da keine Übereinstimmung im Gesellschafts-, Denkund Wertraum besteht. Der Dialogpartner ist nicht der Gegner, sondern Gegner ist die Welt; sie ist aber nicht zu stellen, deshalb beschränken sich die Personen auf die Darlegung der eigenen Existenz und die Behauptung der eigenen Person.
Monolog In der Form als Entscheidungsmonolog in Pro und Contra ausgewogen, zeigt er Reflexion über die Lage und das eigene Ich des Sprechers, Abstand zur eigenen Person. Unklare Darlegungen, häufig wirre Folge logisch unzusammenhängender Gefühle und Gedanken. Der Sprecher ist überwältigt von der Situation und dem Unbewußten.

© Uta Wernicke, Sprachgestalten